RTL II kooperiert derzeit mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“.  In der Daily Soap „Köln 50667“ wird Seriencharakter Lina mit K.-o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt. Lina will das Erlebte verdrängen. Ihre Freundinnen und Freunde versuchen sie jedoch davon zu überzeugen professionelle Hilfe anzunehmen. Mit Einblendungen, Social-Media-Posts und einem Online-Special macht RTL II auf das Beratungsangebot des Hilfetelefons aufmerksam. 

Wir haben mit der Diplom-Psychologin Petra Söchting über das bedrückende gesellschaftliche Problem, das Hilfetelefon und die Zusammenarbeit mit RTL II gesprochen. Söchting ist Psychologische Psychotherapeutin und seit 2012 Leiterin des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. 

Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“

Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“

Neben klassischer Werbung und Flyern nutzt das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ viele weitere Wege, um das Angebot bekannt zu machen. Welchen Stellenwert haben dabei Prominente und Medienpartnerschaften?

Wir freuen uns, dass wir so viel Unterstützung von Personen aus dem öffentlichen Leben bekommen.

Ein großer Teil unserer Bekanntheit ist sicherlich auf dieses Engagement zurückzuführen und wir sind sehr dankbar, dass sich zahlreiche bekannte Persönlichkeiten für das Thema einsetzen – beispielsweise die Schauspielerinnen Felicitas Woll und Elisabeth Brück oder das Moderatorenduo Dunja Hayali und Mitri Sirin.

Und jedes Jahr engagieren sich weitere Unterstützerinnen und Unterstützer für das Hilfetelefon und beteiligen sich beispielsweise an der jährlich stattfindenden Mitmachaktion „Wir brechen das Schweigen“. Eine Einrichtung wie das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ kann ihren Zweck nur erfüllen, wenn die Öffentlichkeit weiß, dass es dieses Angebot gibt. Umso mehr freut es uns daher, dass RTL II dabei unterstützt, auf das bundesweite Angebot aufmerksam zu machen und diejenigen Frauen zu erreichen, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind.

Warum sind die Daily Soaps von RTL II aus Ihrer Sicht gut geeignet, Bewusstsein für das Problem Gewalt gegen Frauen zu schaffen?

Daily Soaps spiegeln das tägliche Leben vieler Menschen in unserem Land wider. Die Zuschauerinnen und Zuschauer identifizieren sich mit den Themen, Problemen und Lebensumständen der Darstellerinnen und Darsteller.

Wenn Serien dieses wichtige Thema adressieren, wird Zuschauerinnen damit signalisiert, dass sie nicht alleine sind, dass auch andere Frauen Gewalt erfahren und vor allem, dass es leicht zugängliche Hilfe gibt. Durch die große Reichweite der Serien erreichen sie ein Millionenpublikum, das für das Thema sensibilisiert wird – darunter zahlreiche Betroffene, aber auch Menschen aus dem Umfeld betroffener Frauen wie Freundinnen oder Familienangehörige.

Ein weiterer Vorteil: In Soaps können echte Fälle nachgespielt werden, ohne dass Betroffene in der realen Welt ihre Identität preisgeben müssen. Darauf legt das Hilfetelefon großen Wert: Wir beraten anonym und vertraulich. Betroffene Frauen entscheiden selbst, was und wie viel sie uns erzählen möchten.

 

Die Zielgruppe von „Köln 50667“ und „Berlin – Tag & Nacht“ ist sehr jung. Ist häusliche Gewalt bei jungen Menschen (im Hinblick auf Täter und Betroffene) genauso häufig, häufiger oder seltener? Nimmt sie andere Formen an?

In rund 60 Prozent der Beratungen beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ geht es um häusliche Gewalt. Darunter fassen wir alle Fälle und Formen körperlicher, seelischer, sexualisierter und ökonomischer Gewalt zwischen Menschen, die in einer Paarbeziehung leben oder gelebt haben.

Eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführte Studie konnte zwar Risikogruppen identifizieren, die verstärkt Gewalt erleben, zeigte aber insgesamt, dass Frauen aller Altersgruppen von Gewalt betroffen sind.

Kommen die Hilfesuchenden bei Ihnen aus allen demographischen Gruppen – entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung – oder gewichtet sich das anders?

Grundsätzlich lässt sich sagen: Gewalt gegen Frauen betrifft Frauen unabhängig von Alter, Herkunft und Gesellschaftsschicht. Das belegen europäische Studien sehr gut. Da das Hilfetelefon selbst jedoch ein anonymisiertes Angebot ist, bei dem weder Name, noch Herkunft oder Alter der Anruferinnen erfragt werden, können wir keine Aussage über die demographische Zusammensetzung der Ratsuchenden treffen. Das Ziel des Hilfetelefons ist es, allen gewaltbetroffenen Frauen zu helfen – egal woher sie kommen und wie alt sie sind.

#metoo: Das Verhältnis der Geschlechter wird zurzeit wieder diskutiert wie nie zuvor. Erreicht diese Debatte wirklich breite Bevölkerungsschichten oder ist sie primär ein Thema in den Medien und in Social Media?

Die Debatte ist gerade deswegen so wichtig, weil sie das Thema enttabuisiert und in die Mitte der Gesellschaft rückt. Aufklärungsarbeit und öffentliche Diskussionen können dazu beitragen, dass sich mehr Frauen an Unterstützungseinrichtungen wie das Hilfetelefon wenden. Gewalt gegen Frauen ist und bleibt auch über die #metoo-Debatte hinaus ein Thema, bei dem wir alle hinschauen und aktiv werden müssen, auch damit es Betroffenen leichter fällt, sich zu öffnen und sich Hilfe zu holen.