Unsere dreiteilige Dokumentation „Hartz und herzlich – Die Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen“ hat bei den Menschen vor Ort eine kontroverse Diskussion ausgelöst – nachzulesen u.a. in den Berichten und Leserkommentaren der lokalen Presse. Die Mehrheit der Reaktionen war positiv, doch einige empfanden das Porträt der Plattenbausiedlung Wolfen-Nord als verzerrend und einseitig negativ. Unsere Sicht der Dinge schildert nachfolgend Konstanze Beyer. Sie ist Leiterin Wissen & Dokumentation bei RTL II und betreut das von UFA Show & Factual produzierte Format redaktionell. 

Liebe Wolfener,

unsere dreiteilige Dokumentation „Hartz und herzlich – Die Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen“ war bei den Zuschauern in ganz Deutschland ein großer Erfolg. Umso mehr interessiert es natürlich die Menschen aus der Region, welches Bild da von ihrer Heimat gezeichnet wird, von ihren Nachbarinnen und Nachbarn.  Wenn dann eine Fernsehproduktion von außen einen ungeschönten Blick auf ihre Stadt wirft, auf Armut, traurige und auch empörende Situationen, dann schmerzt das erstmal. Wir verstehen das. Muss das sein? Was ist mit diesen oder jenen positiven Seiten?

Sie können uns glauben, dass wir nicht nach Bitterfeld-Wolfen gekommen sind, um die Menschen dort vorzuführen oder Bilder zu suchen, mit denen sich Vorurteile zementieren lassen. „Hartz und herzlich“ ist kein Unterhaltungsformat, von denen RTL II viele im Programm hat, sondern eine Dokumentation, die sich ernsthaft um ein authentisches Abbild der Realität in sozial schwachen Regionen bemüht. Dass Bitterfeld-Wolfen vielfältige Probleme hat, wird niemand bestreiten. Werden diese Probleme in „Hartz und herzlich“ falsch geschildert oder manipulativ überbetont und damit der Wirklichkeit nicht gerecht?

In der Stadt fehlen Arbeits- und Ausbildungsplätze und Perspektiven für die Bewohner. Der Wolfener Ortsbürgermeister nennt solche Passagen im Sprechertext Falschaussagen. Jeder durchschnittlich verständige Zuschauer weiß: Es gibt keine Kommunen mit 100 Prozent Arbeitslosigkeit. Wenn also eine rhetorische Zuspitzung das einzige ist, was man uns vorwerfen kann, haben wir das meiste richtig gemacht.

Das sehen nicht nur wir so: Die „Mitteldeutsche Zeitung“ kommentierte durchaus kritisch, schreibt aber auch: Die „aufwendige Sozialrecherche“ sei „weder voyeuristisch noch langweilig“. Das Bemühen um Genauigkeit und Fairness sei immer deutlich, die Würdigung der sozial- und wirtschaftspolitischen Hintergründe eingeschlossen. Fazit der MZ: „‘Hartz und herzlich‘ will tatsächlich Verständnis für Wolfener wecken, sie nicht vorführen.“

In derselben Zeitung schreibt ein Leser: „Die Diskussionen über Sinn und Zweck dieses TV-Formates hört man allerorts: ob beim Einkauf, Friseur oder am Telefon, wenn ehemalige Wolfner aus nah und fern einen anrufen. Ich bin gespannt auf Teil 3 und hoffe, dass viele Zuschauer über das Gezeigte nachdenken, vielleicht spontan Hilfe anbieten und vor allem, dass zuständige Behörden aufwachen.“

In den Zeiten der Wirtschaftsblüte bauten die Planer der DDR riesige Viertel mit Wohnblöcken. Heute stehen viele dieser Blöcke leer oder werden abgerissen. Die Heimat vieler Menschen verschwindet Stück für Stück. "Hartz und herzlich - Die Plattenbauten von Bitterfeld-Wolfen": Dienstag, 19. September, um 20:15 Uhr bei RTL II. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/6605 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/RTL II"

Plattenbauten in Bitterfeld Wolfen-Nord

Uns liegt nicht daran, die Stadt oder ihre Behörden pauschal zu kritisieren. Allerdings hat man uns die Arbeit auch nicht leichtgemacht. Drehgenehmigungen wurden nicht erteilt, weder von Ämtern noch karitativen Einrichtungen; auch nicht von der KomBA – ABI, dem örtlichen Jobcenter. Und das, obwohl wir so auch positive Schicksale hätten zeigen können, wie das eines Langzeitarbeitslosen, der nach 13 Jahren einen Job bekommen hat. Trotzdem: Inklusive der Casting- und Recherchephase haben wir uns über ein Jahr mit Bitterfeld-Wolfen beschäftigt und mit mehr als 50 Menschen gesprochen.

Nicht zuletzt durch das mehrheitlich positive Echo sind wir überzeugt: Unsere Dokumentationen zeigen ein Bitterfeld-Wolfen, das sich viele, auch auf politischer Seite, anders wünschen, das aber nicht anders ist – insbesondere nicht in den Plattenbauten von Wolfen-Nord, die im Zentrum der Filme standen. Und es ist ja nicht so, dass die Kameras ausschließlich auf Niedergang und Tristesse gerichtet werden. Auch Bewohner mit positiver Haltung und starkem Charakter kommen zu Wort – wie etwa Mia und Alex, Aileen und Roland.

Der abwehrende Reflex, der Wunsch, wir mögen lieber nicht so genau hinsehen, ist uns bereits bei den anderen, schon gezeigten „Hartz und herzlich“-Dokumentationen aus Duisburg und Mannheim begegnet. Immer ist für uns der Respekt vor den Menschen Richtschnur und die daraus folgende Pflicht zur Sorgfalt bei der Recherche und der Produktion. Nur so ist es möglich, dass wir „Hartz und herzlich“ fortsetzen und auch an anderen Orten umsetzen können.

Konstanze Beyer

Leiterin Wissen & Dokumentation, RTL II