Was will sie eigentlich sehen, die junge Zielgruppe? Wie, wann, wo und warum? Das erklärt uns als Gastredner Philip Kalisch – ein Experte auf dem Gebiet, und zwar nicht nur, weil er in ganz Europa Surf-Events organisiert.

 

Während Zeitungen vorwurfsvoll fragen, was wir Zuschauer noch alles im Fernsehen ertragen sollen, beschäftigt sich das Öffentlich-Rechtliche mit der Frage, was Zuschauer sehen wollen. Die „Privaten“ möchten wiederum wissen, wie Zuschauer künftig fernsehen. Wer auf die 14-25-jährigen zielt, sollte erst im zweiten Schritt die richtigen Antworten auf das sich rasant wandelnde Fernsehverhalten finden und sich zunächst die richtigen Fragen stellen. Und darum soll es hier gehen: Was ist eigentlich Fernsehen heute noch?

Philip Kalisch, Freier Kommunikationsberater und Texter

Philip Kalisch, Freier Kommunikationsberater und Texter

Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Ist das seit 2011 ausgestrahlte „Berlin – Tag & Nacht“ eine Soap zur besten Sendezeit oder ein Facebook Dauer-Storytelling mit im Kern mehr (Fernseher) oder weniger (Pinnwand) großen Bewegtbildposts? Die Antwort ist wahrscheinlich: beides. Vielmehr noch als die Medien selbst, fließen durch die verschränkte Kommunikation in der Serie Wirklichkeit und wirklichkeitsnahe Erzählung ineinander zu einer 24/7-Schneekugel-WG mit eigenem Klima, Hoch und Tiefs. Zu beobachten ist neben Fernsehen und Facebook dabei sogar noch eine dritte Ebene, die über der Erzählung zu schweben scheint, in der sich alles kommentierende Facebook-WG-Freunde offenbar rückversichern, dass das alles wirklich nicht echt ist.

Das mutet vertraut und neu zugleich an. Vertraut, weil lebensnahes Alltagsfernsehen, Chatten und Kommentieren uns längst ins Blut übergingen. Neu, da die Diskussion in den Facebook-Kommentaren realen Einfluss auf die im gleichen Kommunikationsraum sprechenden Protagonisten hat. Und das verändert die Sache erheblich. Denn alles um die Fernseh-WG drum herum ist echt: Beziehungen, Ratschläge, Intimitäten, Mitgefühl und Trost. Die Sendung hat nicht eine Community, sondern ist eine Community mit Routinen und Emotionen, eine zwar von Dritten gesteuerte, aber in der Binnenperspektive in sich stimmige offene Welt. Die Antwort „Beides“ heißt, das Format ist für und von der jungen Zielgruppe gemacht. Fernsehen ist somit nicht länger die Summe von Sendungen, sondern einer unter vielen Ausspielkanälen von Inhalten einer Community.