In den vergangenen Tagen hat sich um die kommende RTL II-Reihe  „GOTTLOS – warum Menschen töten“ eine Kontroverse entwickelt (hier die Pressemitteilung zum Format). Der „Humanistische Verband Deutschlands“ (HVD) ist der Ansicht, der Titel verbinde in pauschaler Form alle nichtreligiösen Menschen mit dem Motiv zu töten. Eine Interpretation, die RTL II entschieden zurückweist. Die lebhafte Diskussion fand auch hier auf dem Corporate Blog im Umfeld eines Drehberichts zu der Reihe statt.

Einen differenzierten Debattenbeitrag liefert Dr. Horst Groschopp, den wir an dieser Stelle veröffentlichen. Der Kulturwissenschaftler war u.a. von 2003 bis 2009 Präsident des HVD und bis 2014 Herausgeber der Schriftenreihen der Humanistischen Akademien Deutschland und Berlin.  

 

Dr. Horst Groschopp

Dr. Horst Groschopp

Für unsere aktuelle Kultur ist bezeichnend, dass harter Bekenntnisstreit wieder auflebt. Politisierte religiöse Annahmen nehmen nicht nur in den aktuellen Flüchtlingsdebatten zu, etwa, dass Deutschland zum christlichen Abendland und der Islam hier nicht hergehört. In diese Chöre hinein tönt neuerdings ein kämpferischer Atheismus. Er findet genügend Anlässe und klagt laut für seine Daseinsrechte. Die zahlreichen Zuschriften aus einer Betroffenenklientel empörter Konfessionsfreier zu „GOTTLOS – warum Menschen töten“ sind in Wort und Ton nicht nur für den Sender lehrreich.

Erst dachte ich auch, es kommt ein fundamentalistischer Doku-Humbug in den Kanal, treu meinem „Glauben“, was soll RTL II schon anderes senden? Ich sehe hier gewöhnlich nicht fern. Bei der Suche nach Gründen, warum man sich in der „säkularen Szene“ so aufregt, stärker als bisher, fand ich zu meiner Überraschung: Es geht bei „gottlos“ diesmal gar nicht um eine erneute Beleidigung von Konfessionsfreien, sondern um „ruchlos“. Das gibt es bekanntlich unter Gläubigen wie Ungläubigen.

Es geht auch nicht um „Die Geissens“ oder „Mein Leben unter Zwang“, sondern um Kunst. Diese ist bekanntlich frei, auch bei RTL II, wenn auch nicht „kommerzfrei“, was „gottlos“ zum Werbeeffekt degradiert, vielleicht so unbedacht gedacht war, weil gewöhnlich „gottlos“ mit „kulturlos“ gleichgesetzt wird.

Der Sender versucht sich an einem neuen Image. Er hat den renommierten Regisseur Thomas Stiller, der nun wahrlich ein aufgeklärter Geist ist, und bekannte Autoren und Schauspieler eingeladen, in drei Spielfilmen zu sagen, was sie zu dem Oberthema hier und heute zu sagen haben in ihrer ästhetischen Sprache, nachdem Ähnliches schon in Holland lief. Kunstfreiheit ist löblich und nicht unbedingt üblich. Die Künstler werden sich doch nicht reinreden lassen, gar das Projekt umbenennen. Es geht ihnen um „den Weg der Menschen auf ein Verbrechen zu“. Das wäre Aufklärung. Das Thema ist eine Herausforderung, nun erst recht.

Beim Lesen der vielen Kommentare fiel mir allerdings auf, wie kulturlos das „einfache Volk“ eingeschätzt wird. Kein sehr humanistischer Blick „auf die da unten“. Da macht RTL II schon mal etwas anderes als sonst, setzt auf sozialerkundende Kunst… und dennoch hagelt es.

Meine Botschaften sind zum einen, dass Kunst „Gott sei Dank“ immer anders wirkt als Schlagzeilen oder wie es sich der Autor dachte. Und dass zum anderen die Crew nun sensibilisiert ist. Schauen wir doch mal, was herauskommt.

Ich befürchte aber, dass einige der Kritiker nach der Sendung bei ihrer Meinung bleiben, weil für sie auch der „Tatort“ Religion ist, sei es „des Volkes“ (Marx) oder „für das Volk“ (falsch zitiert), jedenfalls streng religionskritisch gemeint.