Bei der täglichen Arbeit der Unternehmens- und Programmkommunikation ist DWDL.de einer unserer wichtigsten Sparringspartner. Wir sind oft auf den Fachdienst angewiesen, wenn wir unsere Themen kommunizieren wollen – DWDL.de wiederum auf umfassende und möglichst exklusive Informationen von RTL II. Gleichzeitig ist die Kölner Redaktion ein scharfer Beobachter und manchmal Kritiker von RTL II. Über dieses Spannungsverhältnis und den Medienjournalismus in Deutschland allgemein haben wir uns mit dem stellvertretenden Chefredakteur Uwe Mantel und Redakteur Alexander Krei unterhalten…

Wie geht ihr mit dem potenziellen Konflikt zwischen Nähe und Distanz um?

Krei: Diese Frage stellt sich ja in allen Bereichen des Journalismus. Ich glaube, wenn man mit einer gewissen Distanz an ein Thema herangeht, dann kann man auch die persönliche Nähe hintenan stellen. Wir interessieren uns ja für diese Branche, für das Fernsehen, und das tun wir nicht deshalb, weil wir die Nähe zu bestimmten Leuten suchen. Natürlich erfährt man Dinge eher, wenn man jemanden persönlich gut kennt und ein gewisses Vertrauensverhältnis besteht, aber diese Nähe hat bei uns nie dazu geführt, dass wir über ein Unternehmen nicht kritisch berichten. Das kann ich ausschließen.

Mantel: Wichtig ist: Beide Seiten müssen wissen, dass es hier zwei Ebenen gibt: die berufliche und die private. Nur, weil ich jemanden gut kenne und leiden mag, heißt das ja nicht, dass ich nichts Negatives über den Sender schreiben kann, für den er arbeitet, oder die Produktionsfirma oder ein Format. Wir können das trennen, alle anderen können das hoffentlich auch, und dann sehe ich da kein Problem. Darin drückt sich auch eine gewisse Wertschätzung für den Beruf des jeweils anderen aus.

Ihr habt das nie erlebt, dass diese Rollentrennung eben nicht funktioniert und es zu Missverständnissen oder Konflikten kommt?

Krei: Gewisse Absichten Artikel zu beeinflussen gab es interessanterweise nie von Leuten, die man kennt und sympathisch findet. Es wird beispielsweise damit gedroht, ein vereinbartes Interview nicht stattfinden zu lassen, wenn die Berichterstattung nicht so oder so erfolgt. Das passiert, aber Gottseidank sehr selten, und niemals dann, wenn man einen persönlich guten Draht hat. Das beruhigt mich.

Gibt es Erlebnisse, negative oder positive, die euer Empfinden bei diesem Thema geprägt haben?

Krei: Ich erinnere mich an Interviews, die wir dann doch nicht veröffentlicht haben, weil sie nach der Autorisierung nicht mehr viel mit dem zu tun hatten, wie das Gespräch tatsächlich verlaufen ist. Das kommt leider vor.

Mantel: Ich kann mich dann schon sehr über so etwas aufregen, und wenn auf der anderen Seite auch jemand sitzt, der sich aufregt, dann kann es hoch hergehen. Aber nach ein paar Stunden kommt man wieder runter. Es ist ja nur Fernsehen, wie Alex immer sagt.

Krei: Fallweise können wir die andere Seite durchaus verstehen. Der Pressesprecher will natürlich sein Unternehmen gut aussehen lassen, und wenn wir etwas rausfinden, was der lieber noch nicht in der Öffentlichkeit gesehen hätte, wird es manchmal hitzig. Aber wenn man sich nach ein, zwei Tagen wieder in die Augen schauen kann und so etwas eben professionell und nicht persönlich behandelt, dann ist es gut. Dann kann es auch mal laut werden, denn es zeigt ja, dass beide Seiten ihren Job ernst nehmen und mit Leidenschaft betreiben.

Gibt es bei DWDL.de einen Kodex oder ähnliches, der festlegt, wie ihr mit Pressestellen und den Unternehmen umgeht – zum Beispiel auch, was Geschenke oder andere Zuwendungen angeht?

Mantel: Wir haben keine offiziellen Richtlinien. Anreise zu Terminen bezahlen wir in der Regel selber, und wir sind selbstbewusst genug, dass wir uns von irgendwelchen Werbegeschenken nicht beeinflussen lassen. Wir sind ja vor kurzem umgezogen und haben von einigen Unternehmen Umzugsgeschenke bekommen. Darüber haben wir uns ehrlich gefreut, und deshalb haben wir das auch auf Facebook gepostet. Da gab es natürlich sofort Kommentare, wir würden uns kaufen lassen, aber das ist natürlich Unsinn. Wir lassen uns sicher nicht mit einer Packung Dextro-Energen oder einem Paar Flamingo-Schuhe bestechen.

Jenseits der Qualität der Give-aways – wie ist denn für euch die Zusammenarbeit mit RTL II?

Krei: Ihr gehört sicher zu denjenigen, die recht schnell auf Anfragen antworten. Es gibt bei euch auch immer die Möglichkeit „off the record“ zu sprechen. Das ist ja auch ein Zeichen für gegenseitige Wertschätzung, wenn man uns etwas im Vertrauen sagt und sich darauf verlassen kann, dass das nicht am nächsten Morgen Top-Thema bei DWDL.de ist. Die Zusammenarbeit ist also insgesamt angenehm und RTL II gehört hier zu den positiven Beispielen in der Senderlandschaft.

Das Kompliment geben wir gerne zurück, und das wird von den DWDL-Lesern hoffentlich nicht falsch verstanden. Das Thema „off the record“ ist ein gutes Beispiel für die Problematik Nähe und Distanz. Das kennt man ja auch von Hauptstadtjournalisten, die sich viel darauf einbilden, Zutritt zu exklusiven Polit-Zirkeln zu haben und dann von ihrem Insiderwissen irgendwann mehr für sich behalten, als es ihre Aufgabe als Journalisten erfordern würde.

Mantel: Wenn Journalisten alles schreiben, was sie wissen, werden sie nie wieder etwas erfahren. Das ist eine Abwägung. Hintergrundinformationen helfen der Qualität der Berichterstattung, weil man Dinge besser einordnen kann, auch wenn man diese Infos unmittelbar nicht gleich verbreitet. Wir verstehen es, wenn ein Sender beispielsweise einen neuen Moderator nicht kommunizieren will, weil die Verträge noch nicht unterschrieben sind. Wenn der Sprecher uns dann offen bittet, noch ein paar Tage stillzuhalten, dann brechen wir uns keinen Zacken aus der Krone. Unser Tipp an alle Sprecher: Man verhindert eine Geschichte nie, indem man nicht schweigt, aber man kann sie ein wenig aufschieben, wenn man offen und ehrlich sagt, warum etwas noch nicht öffentlich werden soll. Was gar nicht geht: lügen. Das funktioniert einmal, aber das nächste falsche Dementi glauben wir schon nicht mehr.

Krei: Es hängt ja auch von der Geschichte ab. In eine TV-Kritik lassen wir uns beispielsweise nicht reinreden, das ist persönliche Meinung des Autors, der findet eine Serie entweder gut oder schlecht. Wir können gut austeilen, aber stecken auch ein. Jeder TV-Schaffende, der sich durch eine deftige Kritik getroffen fühlt, kann das online kommentieren, uns schreiben oder anrufen und zurückschimpfen.

Das tun wir auch gerne. Wenn etwa in einer Kritik ein Sachverhalt in unseren Augen falsch dargestellt wurde, gehen wir in den Dialog.

Krei: Hans Hoff hat in unserer allerersten Studio-D-Sendung einen sehr schönen Satz gesagt: Schreibe niemals etwas, das du dieser Person nicht auch ins Gesicht sagen würdest. Wenn man das beherzigt, kann man ganz entspannt kritisieren. Natürlich brächte es viel mehr Leser, jedes Mal brutal draufzuhauen, aber viel wichtiger ist auch hier: Man muss sich hinterher noch in die Augen schauen und miteinander reden können.

Unsere Aufgabe in der Unternehmenskommunikation sehen wir immer auch langfristig. Jenseits des Tagesgeschäfts arbeiten wir kontinuierlich daran, hartnäckige Vorurteile abzubauen und das Senderimage mit Fakten nachhaltig zu verbessern. Wie ist euer Bild von RTL II? Hat es sich über die Jahre verändert?

Mantel: Es gibt ja immer eingefahrene Meinungen von Menschen, die sich selten mit Fernsehen befassen und für die RTL II der Tittensender oder so etwas ist, was ja gar nicht… immer der Fall ist (lacht). Wir versuchen schon unser Bild eines Senders auf dem aktuellen Stand zu halten und nicht in Schubladen zu denken. Dann müssten wir ja auch einen Sender gleichbleibend positiv beurteilen, der vor zehn Jahren unfassbar viele eigene Produktionen hatte – vielfältige Shows und Comedys –, heute aber die Hälfte der Primetime mit Krimiserien aus Amerika befüllt. Wir freuen uns über jede positive Veränderung. Für mich ist RTL II nicht mehr der Skandalsender aus früheren Jahren, aber es ist verblüffend, wie sich dieses Image hält, obwohl das Programm es gar nicht mehr widerspiegelt.

logo_dwdl_auf_weissWir haben oft mit Journalisten zu tun, die sich nicht so intensiv mit der Branche auseinandersetzen wie ihr, sich aber trotzdem nicht scheuen, aufgrund von Vorurteilen „aus der Hüfte zu schießen“. Ein Beispiel ist der pauschale Vorwurf, dass bei Doku-Soaps sowieso alles inszeniert und Fake sei. Registriert ihr so undifferenzierte Sichtweisen bei den Kollegen? Wie ist euer Bild des Medienjournalismus in Deutschland?

Krei: Der deutsche Medienjournalismus wird gefühlt immer weniger, es gibt in den Tageszeitungen ja auch immer weniger Medienseiten. Das ist bedauernswert. Mag sein, dass es insgesamt genauso viele Medienjournalisten gibt wie früher, aber die beschäftigen sich immer seltener mit der Branche an sich. Anstatt die Entwicklung des Fernsehens kritisch zu beleuchten, liest man immer mehr TV-Kritiken. Jede neue Netflix- oder Amazon-Serie wird ausführlich besprochen, aber investigativen Journalismus findet man immer weniger – etwas, das auch den „Spiegel“ früher ausgezeichnet und sehr nachgelassen hat. Diese Aufgabe übernehmen teilweise nun andere, Blogger wie Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. Nur findet das dann eben nicht mehr in klassischen Medien statt. Da wird dann eher jede Polit-Talkshow bierernst auseinandergenommen. Das machen auch Spiegel Online, Welt, Süddeutsche…, offenbar findet das einen Leserkreis. Mich interessiert es nicht.

Die Anzeigenkrise der Printmedien, die Sparwellen in den Redaktionen, das spüren auch wir. Es ist ja nicht so, dass wir weniger unter Beobachtung stehen, nur haben wir dabei immer seltener mit professionellen Ansprechpartnern zu tun, die wirklich wissen, worüber sie reden. Was bedeutet das für euch? Weniger Konkurrenz, auch um gute Geschichten?

Mantel: Gefühlt hatten wir tatsächlich schon mehr Konkurrenz, zumindest solche von großen Medienmarken. Inzwischen trägt man durchaus öfter mal exklusive Geschichten an uns heran, die früher vielleicht der Spiegel oder andere bekommen haben. Das hat damit zu tun, dass wir nun doch schon lange da sind und verlässlichen Journalismus liefern, also selber eine Marke geworden sind, aber natürlich gibt es gleichzeitig weniger andere Medien, die sich um diese Themen bemühen.

Wie haben Internet und Social Media den Journalismus insgesamt verändert? Nach meinem Gefühl wird die ehemals klare Trennung von Nachricht und Kommentar kaum noch praktiziert. Stattdessen wird vor allem online stark zugespitzt und persönliche Meinung verbreitet, was man dann für authentisch hält. Seht ihr das auch so? Ist das gut oder schlecht?

Krei: Mir ist es tatsächlich oft zu viel Meinung, ich bin froh, wenn man abends mal Facebook ausmacht und ein Thema einfach ruhen lässt. Das lässt sich aber kaum noch zurückdrehen. Frage ist eher: Wie sehr und wie oft lässt man sich selber darauf ein? Natürlich möchte man nicht derjenige sein, der eine News als letzter bringt. Trotzdem ist mir im Zweifel eine durchrecherchierte Geschichte lieber als eine halbgare, die ich am nächsten Tag widerrufen muss.

Mantel: Es gibt auf jeden Fall mehr Meinungstexte als früher. Die sind natürlich aufmerksamkeitsstärker und bringen mehr Klicks. Mich ärgert aber, wenn die Meinung von Leuten kommt, die keine Ahnung haben. Ja, auch bei uns gibt es mehr Meinung, aber wir bilden uns ein, dass wir uns diese Meinung leisten können, weil wir uns mit dem Thema lange beschäftigt haben. Deshalb interessiert mich auch nicht, was jeder Hinz und Kunz auf Twitter und Facebook verbreitet. Das ist häufig ohne jede Substanz.

Krei: Fernsehen ist eines dieser scheinbar einfachen Themen, zu denen jeder eine Meinung hat. Die Frage ist, ob ich meine Ansichten zum Maß aller Dinge mache, ordentlich auf den Putz haue und keine andere Sicht zulasse. Im Internetzeitalter geht der Trend zur größtmöglichen Empörung. Das ist ein Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Wenn man sich davon frei macht, was wir tun können, weil sich DWDL nicht über Klickzahlen finanziert, dann kann man sich auch eine differenzierte und fundierte Meinung leisten. Das schließt nicht aus, dass wir auch mal gerne laut poltern. Aber da gilt ja der erwähnte Leitsatz von Hans Hoff.

Wie hat sich in den vergangenen Jahren die Pressearbeit der Unternehmen verändert – auch im Zuge der Digitalisierung?

Mantel: Was sicher zugenommen hat, ist die Kommunikation über Social Media. Sky z.B. macht eine neue Serie oft über Twitter bekannt, 15 Minuten bevor die Pressemitteilung rausgeht – wenn die denn kommt. Das führt dann bei uns oft zu hektischer Recherche, weil wir schnell weitere Informationen brauchen. Entsprechend sollten sich die Unternehmen noch mehr Gedanken machen, wie das Zusammenspiel der Kanäle optimal funktioniert.

Wie würdet ihr euch das denn wünschen? Ist es unbedingt notwendig, PR-News zuerst oder immer auch über Twitter rauszuhauen? Oder reicht die klassische Pressemitteilung aus?

Mantel: Beides ist wichtig. Ein guter Twitter-Account kann einem Fernsehsender ein ganz neues Image geben. Das sieht man am besten am ZDF. Die kommen da ziemlich cool rüber, obwohl sie sonst als Seniorensender gelten.

Das registriert aber doch nur die sehr begrenzte Community jener, die Twitter intensiv nutzen und TV-Fans sind und nicht die breite Masse!

Krei: Die berühmten Multiplikatoren werden sehr gut erreicht, und das ist schon einiges wert. Es gibt aber eine Kehrseite: Wenn die Sender regelmäßig alles zuerst über Twitter und Facebook verbreiten, also die Journalisten quasi übergehen, dann schreiben die irgendwann nicht mehr über die Themen. Warum sich die Mühe machen? Das betrifft zumindest die zugegeben überschaubare Zahl an Fachmedien, die sehr zeitnah über neue Formate etc. schreiben.

Mantel: Das interessante an Twitter ist, dass die Sender dort versuchen sowohl Multiplikatoren zu erreichen, als auch ganz normale Zuschauer. Das ist eine Herausforderung. Deswegen ist dort der intensive Dialog in der Regel wichtiger und spannender als die News, die auch in der Pressemitteilung stehen. Mit etwas Geschick kann man mit Twitter sehr gut einen Shitstorm verhindern, bevor er richtig losbricht. Dabei hilft, dass in der Regel Menschen einem Sender auf Twitter folgen, weil sie ihn mögen. Niemand folgt etwas, um sich jeden Tag zu ärgern. Wenn 50 Leute über eine Sendung twittern, ist es nicht gleich ein Trend-Topic, aber ein interessantes Stimmungsbild. Deshalb ist Twitter absolut relevant, auch wenn es irgendwo in einer Blase stattfindet.

Und über Social Media hinaus? Was wünscht ihr euch von den Pressestellen?

Mantel: Die Unternehmen und ihre Sprecher sind in den vergangenen zehn Jahren auf jeden Fall ängstlicher geworden. Alles muss unendlich lange abgestimmt werden. In manchen Sendern darf ohnehin nur noch der nominelle Sprecher etwas sagen, und dann ohne seinen Namen zu nennen. Auf eine Frage einfach mal eine Antwort zu bekommen, ist unheimlich schwierig geworden. Offenbar geht eine große Angst um.

Wir haben vor niemandem Angst  🙂  Werdet ihr denn auch mal unter Druck gesetzt, indem z.B. mit Anzeigenentzug gedroht wird, wenn nicht in gewünschter Weise berichtet wird?

Mantel: In den zwölf Jahren, in denen ich bei DWDL.de bin, kam so etwas nur einmal vor. Das war ein TV-Sender, hat sich aber nach ein paar Monaten wieder eingerenkt. Das Gute ist: Kein Kunde steht bei uns für mehr als acht Prozent des Umsatzes. Mehr als die Hälfte erwirtschaften wir über die Jobbörse. Wir sind also von niemandem abhängig. Ich denke, die Branche weiß, dass wir unterm Strich immer fair sind. Und wir schrecken auch nicht davor zurück, mal zu loben (lacht). Schließlich lieben wir Fernsehen.