Unter der Dachmarke „TROTZ DEM LEBEN – Geschichten aus Deutschland“ zeigt RTL II Sozialreportagen, die den Nerv der Zuschauer treffen. Die Formate „Hartz und herzlich“ und „Armes Deutschland“ sorgen für hohe Einschaltquoten und große Zuschauerresonanz. Es ist ein wichtiges Thema und wir sind froh, dass es so viel Aufmerksamkeit bekommt, und zwar weit über Fachzirkel, die Presse und Talkshows hinaus.

Magdalena Possert, Fotografin

Magdalena Possert, Fotografin

Um den Menschen, die von Armut betroffen sind, Gesichter zu geben – in einer Weise, die mehr zum Innehalten einlädt und möglicherweise eindringlicher ist als schnelle Fernsehbilder, hat sie RTL II zum Inhalt einer Fotoausstellung gemacht, die am Mittwoch in Berlin eröffnet wurde.

Unsere Kollegin Magdalena Possert, Fotografin und Bildredakteurin, war bei den Dreharbeiten zu „Armes Deutschland“ und „Hartz und herzlich“ vor Ort, machte Bilder und Videointerviews. Die Fotografien sind ab sofort bis zum 25. Oktober in der janinebeangallery, Torstrasse 154, zu sehen, täglich außer Sonntag und Montag, von 10 bis 18 Uhr.

Die Vernissage am Mittwochabend begann mit einleitenden Worten von Carlos Zamorano, Bereichsleiter Marketing und Kommunikation & CMCO, und Programmchef Tom Zwiessler. Es folgte ein Vortrag des renommierten Soziologen Prof. Klaus Hurrelmann, der über Ursachen und Folgen der Armut in Deutschland sprach und zum Ausdruck brachte, wie wichtig er die RTL II-Sozialreportagen findet.

Danach schloss sich Holger Hofmann an, der als Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks auch über die Kooperation mit RTL II sprach.

Magdalena Possert gab schließlich Auskunft über ihre Gedanken und Gefühle bei der Arbeit an diesem Projekt.

Für alle, die nicht nach Berlin fahren können, gibt es auf rtl2.de eine virtuelle Ausstellung mit exklusivem Videomaterial. Hier eines der Interviews, Dagmar aus Mannheim:

 

Und hier die Vorwörter aus dem Ausstellungskatalog von Magdalena Possert und Prof. Klaus Hurrelmann, gefolgt von einer Galerie der Fotografien in der Ausstellung:

Wir und die: Die Gesellschaft driftet auseinander, heißt es. Was das konkret bedeutet, habe ich in den vergangenen Monaten selber erfahren. Die Arbeit für das Projekt „TROTZ DEM LEBEN – Geschichten aus Deutschland“ war eine sehr intensive Zeit. Wir alle haben uns eingerichtet in harmonischen Nischen, sind umgeben von Menschen, die unsere Werte und Ansichten teilen, die gleichen Dinge genießen, ähnliche Ziele verfolgen.

Milieus und Menschen, die, so denken wir, nicht zu uns passen, nehmen wir kaum wahr oder verachten sie sogar. Ist das Bequemlichkeit? Arroganz? Oder die Angst davor, dass wir „wie die“ sein könnten?
Die Begegnungen mit Menschen in ganz Deutschland, die arm sind, nur das Nötigste zum Leben haben, jeden Tag um Respekt kämpfen, die manchmal verzweifelt sind, resigniert, manchmal voller Lebensfreude, haben mich bewegt.

Den Dünkel der Privilegierten gegenüber „Assis“ habe ich umgekehrt kein einziges Mal gespürt. Anfängliche Scheu wich immer sehr schnell großer Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Tatsächlich waren sie vor allem dankbar, dass sie endlich gesehen werden, dass sie ihre Geschichte erzählen können und dass jemand zuhört.

Besonders die Alleinerziehenden sollten ein Vorbild für uns alle sein. Diese Frauen und Männer wünschen sich wenig bis nichts für sich selbst und würden für ihre Kinder alles tun.

Die Sozialreportagen „Armes Deutschland“ und „Hartz und herzlich“ machen Menschen sichtbar, die oft übersehen werden und sie ermöglichen einen authentischen Blick auf Schicksale und Lebensumstände, die ich vor diesem Projekt in diesem Land nicht für möglich gehalten habe.

Die Fotos in diesem Buch sind ehrlich und wahrhaftig. Die Porträtierten wurden nicht inszeniert, sondern haben selber entschieden, wo und wie sie aufgenommen werden. Auf jegliche Retusche habe ich verzichtet.

Ich wünsche mir, dass die Menschen auf den Bildern genauso gesehen werden, wie ich sie hinter der Kamera wahrgenommen und erlebt habe: Starke, sympathische Persönlichkeiten, die es sich lohnt kennenzulernen – mit all ihren Sorgen, Sehnsüchten und Erfolgen.

Für mich gibt es kein “die“ und “wir“. Nur ein “wir“.

Magdalena Possert
Fotografin RTL II


Es ist schwer zu verstehen – aber Armut bleibt ein Thema in Deutschland, trotz der Hochkonjunktur. Das schlimmste daran ist: Es sind so viele Kinder betroffen. Sie leben in einer Vier-Fünftel-Gesellschaft, denn 20 Prozent stammen aus einem finanziell armen Haushalt. Und es werden immer mehr – vor allem deshalb, weil der Arbeitsmarkt schwieriger wird und weil die Zahl der Haushalte mit alleinerziehenden Eltern rasant ansteigt.

In Armut groß werden – das ist demütigend und verunsichernd. Auch wenn der Haushalt Mittel aus „Hartz IV“ erhält – die Kinder aus den armen Familien fallen in Kita und Schule sofort auf, weil sie anders angezogen sind und anders aussehen als die Mehrheit. Sie sind nicht nur zu Einschränkungen bei Ernährung und Wohnen verdammt.

Materielle Armut schleppt, wie alle Studien zeigen, immer auch gesundheitliche Armut mit sich. Und sie führt zu Bildungsarmut, denn wenn ein Kind nicht gut gegessen hat und sich unsicher und gehänselt fühlt, kann es auch keine guten schulischen Leistungen bringen.

Armut löst einen Teufelskreis aus, an dessen Ende schwere Entwicklungsverzögerungen und Gesundheitsstörungen stehen können. Einen Teufelskreis, aus dem die Kinder und ihre Eltern meist aus eigener Kraft nicht herauskommen.

Umso wichtiger, das Thema endlich breit zu diskutieren und aus der Scham-Ecke herauszuholen. Es ein sehr großer Verdienst von RTL II, dass mit den Mitteln von authentischen dokumentarischen Reportagen zu versuchen – keine abstrakten Analysen und bewertende Kommentare zu senden (die sind auch nötig, aber davon haben wir bereits viele), sondern die Menschen einfach an Ort und Stelle zu besuchen und sie direkt zu Worte kommen zu lassen. Sie ernst zu nehmen und ihnen eine Stimme zu geben, damit sie auf ihre Situation aufmerksam machen und ihren Alltag darstellen können, so wie er ist.

Die mit den Sendungen verbundene Fotoausstellung ist eine weitere Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu erreichen. So kann jeder anschaulich nachvollziehen, was es heißt, in einem reichen Land arm zu sein. Und so wird hoffentlich jedem klar: Armut ist nicht etwa nur für die Betroffenen bitter, sondern für die ganze Gesellschaft.

Armut ist für einen Wohlfahrtsstaat der GAU, das Zeichen für den Zusammenbruch der solidarischen Hilfestrukturen. Armut symbolisiert die gesellschaftliche Spaltung in arm und reich, und die frisst sich über kurz oder lang in alle Poren des gesellschaftlichen Lebens und schafft Unruhe und Unzufriedenheit.

Prof. Dr. Klaus Hurrelmann
Hertie School of Governance
Professor of Public Health and Education

 

Die Fotos der Ausstellung „TROTZ DEM LEBEN – Geschichten aus Deutschland“: