Mit Sozialreportagen und Dokumentationen bewegt RTL II regelmäßig ein Millionenpublikum. Die Sozialreportage „Hartes Deutschland – Leben im Brennpunkt“ beleuchtet die Situation rund um das Frankfurter Bahnhofsviertel. Frankfurt am Main ist die glitzernde Metropole der Banken – doch die Stadt hat auch eine zweite, dunkle Seite, über die man nur wenig weiß. Die Drogenszene hat hier ganze Straßen fest im Griff, die Polizei und verschiedene Hilfsorganisationen stehen Tag und Nacht vor ganz besonderen Herausforderungen.

RTL II zeigt drei neue Folgen von „Hartes Deutschland“ ab 14. März jeweils donnerstags in der Primetime.

Andrew McCormack, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Frankfurt am Main, kennt die Hintergründe der Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Herr McCormack, Frankfurt ist die Kriminalitätshauptstadt Deutschlands – woran liegt das?

Der Grund ist simpel, aber vielen in der Bevölkerung gänzlich unbekannt. Es liegt an der Statistik, die eine Realität vermittelt, die es so gar nicht gibt. Die Stadt Frankfurt ist auf Platz 1, weil zur Feststellung der „Hauptstadt des Verbrechens“ die Häufigkeitszahl herangezogen wird. Die Häufigkeitszahl drückt das Verhältnis registrierter Straftaten pro 100.000 Einwohner einer Stadt aus. Was keine Berücksichtigung findet, ist der Fakt, dass die Stadt Frankfurt auf einem weiteren Siegertreppchen steht, und zwar als Pendlerhauptstadt. Tagsüber halten sich also nicht nur knapp 750.000 Einwohner, sondern auch über 350.000 Pendler aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet, in der Stadt auf. Zudem gehört der Frankfurter Flughafen zum Stadtgebiet, ganz anders als beispielsweise der Münchner Flughafen, der zu den Landkreisen Erding und Freising zählt. Demnach werden also Straftaten am Flughafen, die in den allermeisten Fällen gar nichts mit der Stadt Frankfurt zu tun haben, ebenfalls in Zusammenhang mit der Stadt gesetzt.

Wir haben diese Faktoren mal vor einigen Jahren ein- bzw. auskalkuliert. Vom eigentlichen 1. Platz sind wir sogar an das Ende der Top Ten gekommen. Sie sehen also, auch Schlagzeilen gilt es ab und an zu hinterfragen. Aber wie jede Großstadt haben wir unsere polizeilichen Baustellen. Das Bahnhofsviertel ist zugegeben unsere größte.

Für viele Zuschauer sind die gezeigten Zustände und Schicksale schockierend und empörend. Was würden Sie ihnen entgegnen? 

Das Zuhause von Karin (Foto) ist das Frankfurter Bahnhofsviertel

Das Zuhause von Karin (Foto) ist das Frankfurter Bahnhofsviertel

Dass ich ihre Gefühle gut nachvollziehen kann. Die Lebensumstände von Suchtabhängigen im Frankfurter Bahnhofsviertel sind teilweise sehr prekär. Und, dass ich selbst bei so mancher Situation auch betroffen bin. Umso schwieriger ist es für uns, als Polizei, dort anzusetzen. Denn diese Menschen brauchen Betreuung. Jemand muss sie an die Hand nehmen und versuchen sie in unser gesellschaftliche Gefüge wiederaufzunehmen. Aber Betreuung von Schwerstabhängigen ist keine Aufgabe der Polizei. Wir sind dafür da, Straftaten zu verfolgen, also z.B. Rauschgiftdealer, die sich eine goldene Nase an der Sucht und dem Leid von Schwerstabhängigen verdienen.

Fühlen Sie Ihre Arbeit in der Öffentlichkeit ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt?

Wir werden durchaus wahrgenommen. Ich habe eher das Gefühl, dass wir, die Polizei, fast ausschließlich wahrgenommen werden, weil wir ansprechbar sind, weil wir uniformiert vor Ort zu sehen sind. Aber wenn wir angesprochen werden auf die Situation im Bahnhofsviertel, kommen vor allem Beschwerden dieser Art hervor: „Es ist so dreckig. Die Leute hinterlassen ihre Notdurft auf der Straße. Es stinkt. Die ‚Junkies‘ sind asozial. Sie sitzen und leben auf der Straße, sie konsumieren Drogen, sie lassen mich nachts nicht schlafen, weil sie laut sind“, und vieles mehr. Aber die Polizei reinigt keine Straßen, die Polizei betreut keine Schwerstabhängigen, die Polizei hat nicht die originäre Zuständigkeit Ruhestörungen oder Wildpinkler zu verfolgen. Unser Auftrag ist die Kriminalitätsbekämpfung und das sehen auch viele, die sehr lobend unseren Personalzuwachs im Bahnhofsviertel und die Verbesserung der Kriminalitätslage in den letzten zwei Jahren bemerken. Aber es scheint so, dass die eigentlichen Zuständigkeiten in der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmen und vieles auf uns projiziert wird. Ich würde mir wünschen, wenn diese nicht verwaschen und Beschwerden dort eingehen, wo die Zuständigkeit auch tatsächlich hinfällt.

Die Ausstrahlung der ersten Reportage stieß auf sehr großes Zuschauerinteresse. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Erneuter Blick auf das Frankfurter Bahnhofsviertel.

Erneuter Blick auf das Frankfurter Bahnhofsviertel.

Ich glaube, dass das Frankfurter Bahnhofsviertel, gerade wegen seines leicht schmuddeligen und verruchten Rufs großes Interesse weckt. Für viele Frankfurter hat das Bahnhofsviertel einen absoluten In-Status. Die Immobilienpreise schießen durch die Decke, es gibt eine Vielzahl hochpreisiger und trendiger Bars und Restaurants, am Wochenende finden sich tausende Menschen dort ein, um den Bahnhofsviertel-Flair zu frönen und einfach auszugehen. Auf der anderen Seite haben sie prekäre menschliche Schicksale. Der krasse Kontrast auf kleinstem Raum macht es vermutlich aus. Das Quartier ist aber eindeutig nicht nur Drogen, Prostitution und Kriminalität, so wie es vor allem oft medial dargestellt wird. Es ist ein viel größerer Anziehungspunkt für eine Szene geworden, die den Charme des Viertels in den vielen kulinarisch hochwertigen Restaurants, das Nachtleben in angesagten Bars und Kneipen und in der interkulturellen und internationalen Diversität schätzen.

Sie lassen sich bei Ihrer Arbeit erneut mit der Kamera begleiten. Warum unterstützen sie diese Form der Berichterstattung? Welche positiven Effekte erhoffen Sie sich?

Ich glaube, dass polizeiliches Handeln für viele Menschen oft nicht greifbar ist. In der öffentlichen Wahrnehmung sieht man Polizeifahrzeuge, man sieht Kontrollen, aber was dahintersteckt, entzieht sich ganz natürlich den meisten. Dabei ist es ganz wichtig, unsere Arbeit für die Bevölkerung transparent zu machen, soweit wir nicht kriminaltaktische Interessen gefährden. Es ist wichtig, damit sich ihnen eine weitere Perspektive bietet und damit Maßnahmen, die auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar sind, erklärbar werden. Durch diese wertungsfreie Form der Berichterstattung nehmen wir die Zuschauer und damit die Bevölkerung ganz nah mit. So können sie ihren Blick auf das Bahnhofsviertel um einen wichtigen Blickwinkel erweitern und auch unsere tatsächlichen Aufgaben sehen. Es hilft natürlich, unsere Aufgaben abzubilden und die Grenze der Zuständigkeiten aufzuzeigen. Damit wird offensichtlicher, dass die Lage im Bahnhofsviertel ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dass von allen Verantwortlichen deutlich intensiver angepackt werden muss und nicht allein auf den Schultern der Polizei getragen und verbessert werden kann.