„Digitale Disruption“ – das Motto der diesjährigen Münchner Medientage klang beinahe panisch. Zerrissen werden also die TV-Sender, Verlage und so fort. Zerstörer sind das Digitale an sich und jene, die es beherrschen wie niemand sonst: die globalen Konzerne aus Amerika.

Doch im Widerspruch zu den Bedrohungsszenarien, die viele Panel-Themen entwarfen, waren die Panelisten meist auffallend gelassen. Es wird schon so schlimm nicht werden. Und sie haben Recht.

Zum einen haben die TV-Sender, um die es an dieser Stelle geht, längst begriffen, wo die Herausforderungen liegen und packen den Wandel offensiv an. Zum anderen sind Netflix, Amazon und Co. auf Feldern stark, die mit dem klassischen Fernsehen gar nichts zu tun haben. Dass On-Demand das lineare TV, das passive, zurücklehnende Entspannen auf dem Sofa verdrängen wird, glaubt niemand ernsthaft. Die beiden Angebotsformen bedienen schlicht zwei völlig verschiedene Bedürfnisse, die beide nebeneinander bestehen können und werden.

Deshalb geht auch die Diskussion darüber, ob Deutschland der kreativ und budgetär machtvollen US-Serienproduktion etwas entgegensetzen kann, zu einem Gutteil am Thema vorbei. Für Julian Geist, Unternehmenssprecher von ProSiebenSat1, sind Hochglanz-Serien wie „House of Cards“ vor allem Image-Träger für ihre Anbieter, aber keine Produkte für einen Massenmarkt. Eben das macht sie ja als  Mittel der Distinktion auch für ihre Fans so interessant.

TV als Motor der Kreativwirtschaft: Julian Geist, Markus Blume, Ute Biernat, Andreas Bartl, Isabelle Körner (v.l.)

TV als Motor der Kreativwirtschaft:
Julian Geist, Markus Blume, Ute Biernat, Andreas Bartl, Isabelle Körner (v.l.)

Die deutschen Free-TV-Sender sind per se reichweitengetrieben und bieten deshalb ausgewogene Programmbouquets an, die nicht primär auf die aktive Selektion setzen, sondern im Gegenteil Zutrittsbarrieren niedrig halten.

Dazu gehört, dass sie zahlreiche Eigenproduktionen bieten, in denen sich möglichst viele Zuschauer sprachlich und kulturell sofort zuhause fühlen. Hier sind die global player keine Konkurrenz. Was nicht dagegen spricht, dass auch diese Formate nicht nur linear, sondern zeitlich unabhängig über alle digitalen Kanäle vermarktet werden.

Roy Price, Vice President Amazon Studios, erklärte in seiner Keynote die Erfolgsfaktoren für seine Serienproduktion: Darunter die Erkenntnis, dass Big Data, also die netzbasierte, penible Analyse von Nutzerpräferenzen, stark überschätzt wird. Viel wichtiger sei das kreative Talent, möglichst in Gestalt eines Masterminds mit Vision. Damit fällt ein weiterer Wettbewerbsvorteil weg, den die US-Riesen angeblich besitzen. Price weiter: „TV is becoming more cinematic.“ Das heißt, die großartigen US-Serien sind weit mehr eine Konkurrenz für das Kino als für das klassische Fernsehen.

Es gibt für die deutschen Privatsender also genug Gründe selbstbewusst zu sein. Jetzt muss es nur noch gelingen, wenn schon nicht fertige Formate, so doch zumindest Formatkonzepte stärker als bisher international zu vermarkten. Das kreative Potenzial ist hierzulande, da sind sich alle einig, keinesfalls schlechter als in den Niederlanden, Skandinavien oder Großbritannien. „Wir sehen den Wettbewerb mit Giganten aus Übersee sportlich. Im Sport macht es aber am meisten Spaß, wenn sich alle an die gleichen Regeln halten“, sagte RTL II-Geschäftsführer Andreas Bartl in München. Will heißen: Die zerklüftete deutsche Medienpolitik muss endlich für zeitgemäße Regularien sorgen. Aber das ist ein anderes Thema.