Als ich am vergangenen Donnerstag zum Opening-Event des Seriencamps in der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) fuhr, wusste ich nicht so recht, was mich beim ersten deutschen Serien-Festival erwarten würde. Die Veranstalter waren vermutlich ebenso gespannt. Vor der Deutschlandpremiere von „The Last Panthers“ im äußerst bequemen Audimax holte die höchst motivierte Sky-Moderatorin Aline von Drateln ein paar der Verantwortlichen auf die Bühne. Festivalleiter Malko Solf erläuterte bei dieser Gelegenheit kurz, dass TV-Serien in aller Munde oder sogar „das neue Kino“ seien – da bietet sich ein Festival natürlich an und nun schaue man mal, wie es so läuft.

Hochschule für Fernsehen und Film (HFF)

Hochschule für Fernsehen und Film (HFF)

In aller Munde war auch beim Professional Day am Freitag vor allem die Frage nach Deutschland als Serienstandort. Projekte wie „Weinberg“ und „Deutschland 83“ wurden oft genannt, aber über die Erfolgserwartungen oder -aussichten machten die anwesenden Vertreter von TNT und RTL keine Angaben. So stand in wahrer Tradition des Filmfestivals hoher Anspruch allein im Vordergrund – eine Herangehensweise, die man sich beim Privatfernsehen kaum leisten kann. So präsentierte sich die TV-Serie oftmals als nerdige Nische der Unterhaltungsindustrie für Leute mit gutem Geschmack. Das auf Quoten bedachte Free-TV, allen voran die Öffentlich- Rechtlichen, wurden für ihren Unwillen, „Breaking Bad“ zur besten Sendezeit zu zeigen, angeprangert. Sky hingegen, die als Sponsoren auch einen eisernen Thron mitbrachten, wurden als gelobtes Land des Serienjunkies bereitwillig bei jeder Gelegenheit über den grünen Klee gelobt. Da hätte ich mir mehr Realitätssinn gewünscht, statt Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Game of Thrones: der eiserne Thron

Game of Thrones: der eiserne Thron

Dabei zeigte die pan-europäische Sky-Produktion „The Last Panthers“ auf eindrückliche Weise, wie es um die TV-Serie aktuell steht: Gangster als tragische Anti-Helden verstricken sich in komplexe Handlungen, die keine Gelegenheit zu nackter Haut und exzessiver Gewalt auslassen. Ob das gefällt, ist wohl Geschmacksache. Ich persönlich freute mich am meisten auf die britische Serie „The Fall“ mit „Akte X“-Star Gillian Anderson und Jamie Dornan, ehe er in „50 Shades of Grey“ den Millionär mit Vorliebe für Fesselspiele gab. Dieses Format bringt das ZDF im November erstmals nach Deutschland und zeigte die ersten Folgen als Deutschlandpremiere im Rahmen des Seriencamps. Eine auf den ersten Blick typische Serienkiller-Jagd wird hier durch Liebe zum Detail und authentischen Figuren zu einem spannenden Erlebnis. Und am liebsten hätte ich sofort weiter geschaut…

Warum die eine Serie gut funktioniert und eine andere nicht, konnten auch die Panels mit den Profis nicht abschließend beantworten. Dennoch war die Unterhaltung von Opernintendant Sir Peter Jonas, der nach eigenen Angaben bereits seit den 50ern ein Serienfan ist, mit Nicola Lusuardi das Highlight der Veranstaltung. Der Drehbuchautor, der maßgeblich an der Entwicklung der italienischen Export-Hits „Gomorrah“ und „1992“ beteiligt war, sprühte vor Leidenschaft für seinen Job. Seine Theorie ist, dass eine besonders präzise erzählte, authentische Geschichte und ein universelles Thema die magische Mixtur für eine TV-Serie mit internationalem Erfolg ergeben. Andere Redner beim Professional Day betonten die Bedeutung des ‚production value‘ oder gaben den Tipp, jeden Stoff am besten als Thriller zu verpacken. So gab es viel Input für die Anwesenden, von denen ein Großteil junge Filmschaffende waren.

Diskussionen am Professional Day

Diskussionen am Professional Day

Letzten Endes habe ich das erste Seriencamp von der recht feierlichen Eröffnung bei Hugo und Taco bis zum Screening der einzelnen Formate als sehr gelungen und gut organisiert empfunden. Gerade Letzteres brachte etwas zurück, dass TV-Serien für viele nicht mehr sind: Ein gemeinsames Erlebnis. Eine Diskussion zum Thema Spoiler verdeutlichte sehr anschaulich, dass jeder sein persönliches Tempo beim Konsum von Hits wie „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ hat. So ist eine tatsächliche Diskussion über die neuesten Twists und Storylines kaum möglich, ohne dass jemand aufschreit, er wolle nicht „gespoilt“ werden. Auch dieses Phänomen ist ein Beweis für einen anderen Erfolgsfaktor von TV-Serien: Der Zeitgeist. Und den Zeitgeist haben die Veranstalter des Seriencamps, gemessen am Interesse und der Teilnehmerzahlen, auf jeden Fall getroffen.