RTL II thematisiert in seinen Programmen immer wieder gesellschaftliche Probleme und verbindet dies mit weiterführenden Informationen und Angeboten zu Aufklärung und Hilfe. In „Berlin – Tag & Nacht“ wird Pascal Opfer einer Vergewaltigung. Sexualisierte Gewalt unter Männern ist ein Tabuthema oder wird schlicht nicht ernst genommen.

In Zusammenarbeit mit N.I.N.A. e.V. und dem „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ wollen wir dazu beitragen, Bewusstsein zu schaffen und Betroffenen Mut machen ihr Schweigen zu brechen – u.a. durch Einblendungen der Hilfenummer, Online-Informationen und Social-Media-Posts.

Der Therapeut und Traumaberater Marek Spitczok von Brisinski ist beim „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“ und hat viele Jahre im Projekt „berliner jungs“ gearbeitet.

Herr Spitczok, wo liegen die Unterschiede zwischen sexueller Gewalt an Mädchen und Frauen und der an Jungen und Männern?

Gleich zu Anfang möchte ich sagen, dass kein Mensch, dem so etwas passiert, Schuld daran hat. Die Verantwortung tragen Täter oder Täterin, denn sie haben das getan.

Jeder Mensch ist individuell und auch jeder Mensch, dem sexualisierte Gewalt angetan wurde. Mädchen und Jungen, Frauen und Männer können ähnlich oder verschieden damit umgehen. Das kann wie bei anderen Gewaltformen auch sein: Menschen ziehen sich mehr zurück oder sie können mehr Gefühlsausbrüche haben, werden lauter, auffälliger, oder sind trauriger als zuvor. Sie können mehr Alkohol oder Drogen nehmen, um Erinnerungen und Gefühle zu betäuben oder sich selbst verletzen, um Druck abzubauen. Vielen fällt es nach solchen Gewalttaten schwer, ruhig zu schlafen, sich zu konzentrieren, die üblichen Leistungen in der Schule oder bei der Arbeit zu erbringen.

Alle diese Folgen machen den Menschen sehr viel Stress und das können auch diejenigen um einen herum merken, auch wenn sie nicht wissen, was dahinter steckt. Solche Reaktionen sind Versuche, damit klar zu kommen, und das sollte respektiert und nicht noch verurteilt werden.

Pascal wurde vergewaltigt, ist traumatisiert

„Berlin – Tag & Nacht“: Pascal wurde vergewaltigt, will aber nicht darüber reden

Ist denn immer eine für das Umfeld so auffällige Verhaltensänderung zu beobachten?

Manchen Menschen ist auch gar nichts anzumerken. Alle wollen eigentlich so weiterleben, als wäre das nicht passiert. Die meisten merken jedoch, dass diese Gewalt Spuren hinterlässt, mit denen sie leider umgehen müssen. Manche haben psychische Belastungen, die diagnostiziert werden, zum Beispiel als Depression, Angststörung, Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder anderes.

Keiner hat sich das ausgesucht, alle leben mit den Folgen und das zeigt auch den Mut und die Kraft, die Betroffene aufbringen. Manche erinnern sich nicht an die Ereignisse, die auch erst viel später wieder hochkommen können.

Wie es Menschen nach solcher Gewalt geht, ist bei Mädchen, Jungen, Frauen und Männern ähnlich. Mädchen und Frauen sind häufiger davon betroffen. Menschen mit Behinderungen sind sehr häufig betroffen und ihnen wird es noch weniger geglaubt. Es könnte allen Menschen passieren, in jedem Alter.

Es gibt immer einen guten Grund, warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun. Von außen kennen wir diese Gründe oft nicht. Deshalb ist es besser, Menschen zu fragen, was sie gerade brauchen oder möchten. Sie entscheiden dann selber, wem sie was erzählen und auch das ist zu respektieren. Denn dies ist ein sehr privates Thema, Menschen schämen sich oder geben sich selbst die Schuld. Wie ich vorhin sagte: die, die das getan haben, sind dafür verantwortlich. Und es passiert viel häufiger als darüber geredet wird.

Insbesondere die sexuelle Gewalt zwischen männlichen älteren Jugendlichen und Erwachsenen wird oft nicht ernst genommen oder gar belächelt. Woran liegt das?

Die meisten Menschen wissen zu wenig darüber. Da sind immer noch alte Bilder von Männlichkeit, dass Männer sich besser wehren könnten, dass ihnen so etwas nicht passieren würde – und das stimmt nicht! Diese alten Dinge wie: Ein „echter“ Junge weint nicht, Männer sollten stark sein, keine Schwächen zeigen, sie bräuchten keine Hilfe, sondern kommen alleine klar. Das kennen wir alle und alle wissen eigentlich, dass dies veraltete Ideen sind und Menschen viel menschlicher sind. Dass Männer natürlich auch Gefühle zeigen, natürlich auch Schwächen haben.

Männer haben in der Gesellschaft immer noch mehr Macht als Frauen. Das sehen wir überall, in der Verteilung in Wirtschaft, Politik, Kunst, Kultur und bei der Bezahlung. Darunter leiden auch Männer, weil diese veralteten Bilder Druck machen, so zu sein. Aber das Gegenteil ist wahr: Wer eine Schwäche zeigt, ist mutig und kraftvoll, wer über eigene Gefühle redet, ist lebendig und ehrlich. Wer etwas Gutes für andere tut, fühlt sich besser.

Es liegt an uns allen, besser und respektvoller miteinander umzugehen und das hilft allen – auch Betroffenen von Gewalt. Es erleben ja viele Menschen verschiedene Formen von Gewalt und da hilft es, sich gegenseitig zu stärken, sich zuzuhören, und zu fragen, was jemandem gut tun würde. Wir sagen bewusst nicht „Opfer“, weil das eine Beleidigung sein kann, sondern Betroffene von Gewalt.

Es ist ungewohnt und unangenehm, über sexuelle Gewalt zu reden. Viele versuchen, das Unangenehme von sich fern zu halten, indem sie es nicht ernst nehmen. Es ist mutig und hilfreich, wenn jemand für mehr Respekt einsteht, das laut sagt und sich mit anderen solidarisiert, die es gerade nicht so leicht haben.

Wo findet sexuelle Gewalt in der Regel statt und durch wen?  Was begünstigt sexuelle Gewalt an Jungen und jungen Männern?

Sexuelle Gewalt kann überall stattfinden, in Familien, Schulen, Kitas, Sportvereinen, Kirchen, Krankenhäusern, Jugendclubs, anderen Einrichtungen – überall. Auch digitale Medien wie Chats oder soziale Netzwerke werden genutzt, um sexuelle Übergriffe zu begehen oder vorzubereiten.

Die meisten Täter sind männliche Erwachsene oder Jugendliche, es gibt aber auch Frauen und Mädchen als Täterinnen. Täter oder Täterinnen kommen aus allen Bereichen und wir können sie von außen nicht erkennen. Sie nutzen fiese Strategien und ihre Macht gegen andere aus, das können wir erkennen.

Durch diese Täterstrategien bauen sie Vertrauen auf und schüchtern ein, sie bevorzugen einige vor anderen, geben mehr Aufmerksamkeit oder Geschenke nur an einige. Das kann länger dauern oder schnell gehen. Die Taten sind meistens geplant, sie suchen sich bestimmte Kinder, Jugendliche oder Erwachsene aus, trennen sie sozial von anderen Freunden oder Familie, setzen sie unter Druck, alles geheim zu halten, und begehen die sexuellen Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung.

Wenn mehr über das Thema sexualisierte Gewalt, solche Strategien und die Folgen für Betroffene gesprochen wird, kann es helfen, diese zu verhindern und Betroffene besser zu unterstützen. Es gibt Veranstaltungen dazu, zum Beispiel in Schulen und Jugendclubs. Es gibt auch Theaterstücke dazu, aus denen viel gelernt werden kann, die zeigen, was hilfreich ist.

HSM_Logo_2018_4cWas ist hilfreich, wenn man den Verdacht hat, jemand könnte betroffen sein?

Wenn es jemandem nicht gut geht: die Person allgemein fragen, was helfen könnte, ob er oder sie mit jemandem reden möchte. Keine bohrenden Fragen, sondern möglichst ruhig zuhören, die Person ausreden lassen, sich Zeit nehmen. Der Schutz der Betroffenen sollte an erster Stelle stehen!

Wenn es konkret um den Verdacht auf sexualisierte Gewalt geht, sagen, dass es Menschen gibt, die sich damit auskennen, mit denen auch anonym gesprochen werden kann, zum Beispiel beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch. Das Hilfetelefon bietet unter der Nummer 0800 22 55 530 eine kostenfreie, anonyme Beratung am Telefon und kann bei der Hilfesuche unterstützen.

Es braucht Vertrauen und Mut, sich jemandem zu öffnen und das kann dauern. Deshalb keinen Druck aufbauen, sondern einfühlsam begleiten und eine Beratungsstelle kontaktieren, die sich damit auskennt. Beratungsstellen, die darauf spezialisiert sind, haben viel Erfahrung mit dem Thema und können helfen. Es gibt leider noch nicht genügend Angebote, insbesondere für Jungen und Männer, das kann frustrierend sein.

Und es ist auch wichtig auf eigene Grenzen zu achten, denn die Beschäftigung mit solchen Themen kann auch für Freunde und Familie zur Belastung werden. Auch dafür sind wir am Hilfetelefon da.

Und wenn wir denken, jemand könnte Täter oder Täterin sein?

Dann ist es wichtig, sich professionellen Rat zu holen und weitere Schritte genau zu überlegen.  Auch hier kann das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch oder eine Fachberatungsstelle helfen. Jemand mit solch einem Verdacht anzusprechen, führt meistens zu Ablehnung, Ärger, Streit und kann sogar eine Verleumdungsklage nach sich ziehen, wenn es herumerzählt wird. Eine Konfrontation sollte in Begleitung von Fachkräften stattfinden.

Und wie ist das mit einer Anzeige?

In Deutschland gibt es keine Pflicht, eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Eine Anzeige bedeutet eine hohe Belastung für Betroffene, weil sie in diesem Fall alles im Einzelnen erzählen müssen. Wir empfehlen, vor einer Anzeige mit einer Anwältin oder einem Anwalt zu sprechen, die sich mit solchen Verfahren auskennen. Sie können die Schritte genau erklären. Psychosoziale Prozessbegleitung ist oft möglich und wird von vielen Betroffenen als große Unterstützung erlebt. Sich zu informieren hilft!

Wie helfen Sie Anrufenden konkret?

Als erstes hören wir zu – hören, was den Menschen wichtig ist und ihnen auf dem Herzen liegt. Dann besprechen wir mögliche nächste Schritte. Wenn es starke Belastungen gibt, zeigen wir Wege der Stabilisierung auf. Alle am Hilfetelefon sind professionell dafür ausgebildet. In vielen Fällen gucken wir, ob es eine Fachberatungsstelle in der Nähe gibt, die persönlich beraten und begleiten kann. Wir nehmen uns Zeit für jeden Anruf, um den Menschen so gut wie möglich weiterzuhelfen. Anrufe sind kostenfrei und vertraulich.

Für Jugendliche und junge Erwachsene gibt es zusätzlich auch  www.save-me-online.de. Dort gibt es Hilfe bei Fragen zu Mobbing in der Schule, Cybermobbing, Probleme mit Sexting, sexuellem Missbrauch, Zusendung von Pornos oder anderen sexuellen Übergriffen.

BTN_Logo_auf_weissWie wird das Angebot vom Hilfetelefon Sexueller Missbrauch bekannt gemacht?

Die meisten Menschen finden uns über das Internet. Das geht schnell, wenn zu dem Thema gesucht wird. Wir sind ein Angebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Herrn Rörig, der mit seinem Team und dem Betroffenenrat bundesweit und auch politisch aktiv ist, z.B. mit der Initiative Schule gegen sexuelle Gewalt. Es gibt auch das Hilfeportal, bei dem Unterstützung in der Nähe gefunden werden kann. Die Links sind:  hilfetelefon-missbrauch.de,  beauftragter-missbrauch.de, hilfeportal-missbrauch.de

Was kann eine Thematisierung wie jetzt im Rahmen von „Berlin – Tag & Nacht“ leisten?

Sexualisierte Gewalt kann überall und jedem geschehen. Deshalb ist es wichtig, über dieses Thema zu sprechen und Informationen zu geben – darüber, wo es Hilfe und Unterstützung gibt. Indem in einer Sendung gezeigt wird, was passieren kann und was danach folgt, werden Menschen darauf aufmerksam gemacht. Für Betroffene kann das auch unangenehme Gefühle hochbringen, deshalb ist es wichtig, Unterstützungsangebote zu zeigen.

 

Über N.I.N.A. e.V. und das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“

N.I.N.A. steht für Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen. Hervorgegangen aus einer Initiative des ehemaligen Bundesvereins zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen e.V., setzt sich N.I.N.A. seit 2005 dafür ein, den Schutz von Mädchen und Jungen zu verbessern. Seit Mai 2014 hat N.I.N.A. die Trägerschaft und fachliche Verantwortung für das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs übernommen. Über save-me-online.de bietet N.I.N.A. seit 2010 zudem spezialisierte Online-Beratung für ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an.